Mittwoch, 18. Januar 2012

Leseproben aus ›Sprich mein Herz‹ von Christine Lackner

Eltern
Eltern sind für mich Vorbilder, an denen ich mich als Kind orientieren und aufrichten darf. Gott sei Dank hatte ich während meiner Kleinkindphase und den Jugendjahren sehr wertvolle Menschen zur Seite stehen, nämlich meine Eltern und Großeltern. Die positive Vorbildwirkung meiner Eltern wurde mir erst viel später, als Erwachsene, bewusst. Ich hatte noch viel Persönlichkeitsentwicklung zu leisten, ehe ich auch an meinen Eltern das Gute zu erkennen und folglich auch anzunehmen lernte. Als Elternteil von zwei eigenen Kindern bin ich heute bemüht, an den weisen und schönen Erfahrungen aus meiner Kindheit weiterzubauen, oder, genauer ausgedrückt, ich versuche an meine Kinder weiterzugeben, was ich als Kind von Großeltern und Eltern an Positivem erfahren habe. An den nicht so schönen Erinnerungen arbeite ich, um diese nicht unreflektiert auf meine Kinder zu übertragen. Ich erinnere mich an fast keine Gespräche oder Handlungen, worin mich die Großeltern bedrängt oder zurechtgewiesen hätten. Vielmehr haben sie mir das, was sie für richtig hielten, in ihrem Leben praktisch vorgelebt. Ich fühlte und wusste gleichzeitig, auch ohne mahnende oder zurechtweisende Worte, was Nächstenliebe, Verzeihen, Beistand, Achtung, Respekt, Hingabe und Konzentration mir und den Mitmenschen gegenüber bedeuten. Erlebte ich doch hautnah mit, wenn Nachbarn oder Freunde Großvater um Hilfe oder Rat baten oder ihre Interessen und Zeit mit ihm teilten. Wenn er zum Beispiel mit mir an der Hand den Einkauf erledigte, mit der Großmutter den Garten bestellte, bei den Bauern bei der Obst-, Getreide- oder Heuernte mitarbeitete, für diverse Unternehmer die Post und Behördengänge erledigte. Dann gab mir allein schon sein Handeln das Gefühl, ein wertvoller, guter und von Herzen Handelnder zu sein. Er lebte mir darin ja täglich seine Freude vor. Ich spürte, sah und hörte seine gute Laune, seine freundlichen Blicke, seine positiven und Mut machenden Worte. Ich fühlte und spürte einfach, dass Großmutter mich und meine Brüder achtete und liebte. Indem sie voller Freude im Schrebergarten arbeitete, die Wohnung in Ordnung hielt, die Wäsche wusch, die Arbeiten auf den Feldern oder im Haus meiner Eltern mitverrichtete, mit uns Kindern kuschelte, spielte, und, falls von unserer Seite erwünscht, sich auch ernsthaft und geduldig mit uns unterhielt. Ich kann mich an kein einziges Geschenk erinnern, das mich nicht interessiert oder erfreut hätte, wenn es von den Großeltern kam. Sie wussten immer ganz genau das Richtige zu schenken, um uns damit wirkliche Freude zu bereiten. Das konnte Spielzeug, Kleidung, Essen, eine Erlaubnis, ein Gespräch oder eine Berührung sein. Auch sprachen die Großeltern niemals von sich aus Probleme an. Erst, wenn ich von mir aus auf sie zuging und um Rat und Hilfe bat, gaben sie sich alle Mühe, mir zuzuhören und so weit es ging beizustehen. Bemerkte die Großmutter, dass wir Kinder von Erwachsenen nicht mit Respekt behandelt wurden, tat sie dies auch gleich kund, indem sie mit Vehemenz erklärte: »Kinder gehören liebevoll behandelt, weil sie weder Tiere sind, die gezüchtigt werden müssen, noch sind sie Erwachsene, die wegen einer fehlerhaften Tat bestraft gehören.« Wenn ich meinen Vater mit knapp siebzig Jahren die Ehefrau, meine Mutter, mit Kosenamen rufen höre, wenn ich sie bei gemeinsamen Arbeiten beobachte, bei Ausflügen oder Familientreffen gemeinsam aktiv sehe, dann spüre ich, wie innig diese zwei Menschen verbunden sind – wie zwei frisch Verliebte. Und wenn ich heute Grund und Haus betrachte, das einst von meiner Urgroßmutter als wildes Stück Land, auf dem nur eine Schaf- und Sennhütte stand, erworben wurde, dann bin ich gerührt, was die Eltern mit Enthusiasmus und Engagement geschaffen und erhalten haben, ein paradiesisches Fleckchen auf Erden. Ich bin mir sicher, hätten wir dieses schöne Stückchen Land nicht als Familieneigentum gepflegt, die Familie wäre vermutlich schon längst zerbrochen und in alle Winde zerstreut worden. Heute gehört das Stück »Heimat« meinem Bruder, der es ebenso liebt wie die Eltern, Großeltern und Urgroßeltern davor.

Ehrlichkeit
Ich bin der festen Überzeugung, Ehrlichkeit muss dem Kind von klein auf von seinem Umfeld vorgelebt werden, wie alles andere Wesentliche auch, damit es als Erwachsener selbst ehrlich sein kann. Erst wenn ich von Grund auf ehrlich bin, sind es die Menschen mir gegenüber ebenso. Und sind sie es hin und wieder nicht, weil sie es selbst vielleicht nie lernen konnten, oder einfach noch nicht gelernt haben, dann verstehe ich das und übe Nachsicht mit ihnen. Ich werde die Seelenqualen nie vergessen, die ich als Schülerin ausstehen musste, nachdem ich dem Großvater ein paar Münzen aus der Geldbörse entwendet hatte. Der Grund war einzig und allein der, dass meine Schulfreundinnen Taschengeld bekamen und ich nicht. Das Verlangen nach ein paar selbst gekauften Naschereien war eines Tages derart stark, dass ich, von einem inneren Zwang getrieben, nicht anders konnte, als in einem unbeobachteten Augenblick ins Zimmer zu schleichen und aus Großvaters Hosentasche die Börse zu ziehen, um einige Münzen zu entwenden. Seltsamerweise schmeckten die mit dem gestohlenen Geld gekauften Sachen bei Weitem nicht so gut, wie die geschenkten von der Schulfreundin. Lange Zeit fühlte ich mich jedes Mal, wenn mir der Großvater in die Augen blickte, wie auf frischer Tat ertappt. Ich hatte in seiner Anwesenheit ein ganz starkes Gefühl, als ob er jeden Moment nach dem fehlenden Geld fragen wollte. Doch erst viele Jahre später fand ich den Mut, ihm von meiner einst begangenen Tat zu berichten. Er nahm es mit einem Lächeln hin und mir fiel ein schwerer Stein vom Herzen. Ich habe daraus die Erkenntnis gewonnen, wie stark bei Kindern der Einfluss des Gruppenzwangs wirken kann, besonders dann, wenn Selbstbewusstsein und Selbstwert noch zu wenig ausgeprägt sind. Daher verstehe ich auch so gut, wenn Kinder »Unerlaubtes« anstellen, solange ihre Persönlichkeit noch nicht genügend gefestigt ist. Verstehen lernt ein Kind erst, wenn es auch die Möglichkeiten dazu bekommt, indem ein emotional reifes Umfeld das Richtige vorlebt. Unsere Kinder können nicht ehrlicher sein als sie diese Ehrlichkeit vorgelebt bekommen. Solange Denken, Sprechen und Handeln der wichtigsten Bezugspersonen nicht konform laufen mit den Forderungen nach Ehrlichkeit und Einsichtigkeit vonseiten der Kinder, braucht sich auch niemand zu wundern, wenn die Kinder nicht darauf eingehen. Ich sah und spürte Authentizität und Glaubwürdigkeit, wenn meine Mutter euphorisch den landwirtschaftlichen Arbeiten nachging, die sie über alles liebte, von denen sie sich nie im Leben freiwillig losgesagt hätte, die lebendiger Teil ihrer Person waren und noch immer sind. Ehrlichkeit sah und spürte ich bei Großvater, wenn er freudestrahlend mit mir durch den Wald spazierte, mir dabei die Natur, die Tiere und Pflanzen zu erklären versuchte. Wenn er sich mit Menschen unterhielt, ihnen Mut zusprach, während er ihnen auf die Schulter klopfte. Wenn er das gesprochene Wort so rasch wie nur irgendwie möglich in die Tat umsetzte. Ich werde das Bild nie vergessen, als Opa mit Tränen in den Augen das Geschäft meiner damaligen Lehrstelle verließ, nachdem ihm die emotional ungebildete Juniorchefin herablassende, noch dazu erlogene Worte über mich und meine Familie in aller Öffentlichkeit an den Kopf geworfen hatte. Mein Herz blutete bei diesem Vorfall. Doch das ruhige und besonnene Handeln meines Großvaters bestätigte mir einmal mehr, wie identisch seine äußere Stärke mit der inneren war. Ich fühle noch heute die Angst und Panik in mir, die mich als Siebenjährige an Opas Seite überkam, noch ehe er mir offen und ehrlich seine Bedenken kundtat, die ihn bezüglich einer schmerzhaften Bauch-Krankheit plagten. Seinem Glauben nach wäre dieses Zusammentreffen womöglich unser letztes. Erst nachdem er mir hoch und heilig versprochen hatte, wieder gesund zu werden und so lange für mich da zu sein, bis ich allein und ohne seinen Beistand zu leben verstand, legte sich langsam meine Panik. Übrigens, er hatte mit Gottes Hilfe sein Wort gehalten – ich war neunzehneinhalb Jahre alt und gut versorgt als Großvater in eine andere Daseinsebene wechselte. Heute praktiziere ich immer öfter emotionale Intelligenz und denke dabei oft an meinen geliebten Großvater, der mir darin ein lebendiges, weises und vor allem Mut machendes Vorbild war. Meine Kinder können mich nur dann als ehrliche Person annehmen, wenn sich mein äußeres und sichtbares Leben so gestaltet, dass es mit meinem Denken, mit meinen Worten und Handlungen konform läuft. Somit brauche ich von meinen Kindern auch keine Ehrlichkeit einfordern. Weil ich weiß, dass ich ihnen Vorbild genug bin. Sie werden von selbst ehrlich sein, sobald sie die nötige Reife dazu erlangt haben. So vertraue ich getrost auf den Spruch: ›Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.‹

Liebenswerte Eigenschaften
Die liebenswerten Eigenschaften der mich umgebenden Menschen bereichern und verschönern mein Leben ungemein. Ich liebte die warmen, aufmunternden Blicke meiner Großeltern. Wenn ich ein Glänzen und Leuchten in ihren Augen und Gesichtern gewahrte, ging das immer mit einer freudigen Nachricht, einer Überraschung oder gar einem Geschenk einher. Die unzähligen Bemühungen, Streicheleinheiten, die guten und vor allem positiven Worte von Eltern, Großeltern und anderen lieben Menschen sind durch meine daraus entstandenen Gefühle in meine Seele eingegangen, sind darin gespeichert und jederzeit abrufbar. Für jede sanfte Berührung, jeden freundlichen Blick, jedes nette und Mut machende oder richtungsweisende Wort, für jede Hilfestellung und ähnliche liebenswerte Eigenschaft, die mir Menschen schenken und entgegenbringen, bedanke ich mich von ganzem Herzen, weil sie mich damit froh und glücklich machen. Ebenso arbeite ich täglich an mir, um meine liebenswerten Eigenschaften zu verbessern und vor allem an die Mitmenschen zu bringen. Die Art und Weise, wie meine Eltern mit den vielen Besuchern umgingen, die das Jahr über unseren Bauernhof aufsuchten, hat mich unbewusst sehr geprägt. Ich hörte sie nie über andere urteilend sprechen. Im Gegenteil, sie achteten und respektierten diese Menschen mit ihren individuellen Charakterzügen. Ich denke, die Loyalität, die sie anderen entgegenbrachten, verhalf ihnen selbst zu einem leichteren Voranschreiten in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung. Und mir legten sie damit den Grundstein, zu lernen, Menschen sein zu lassen, wie sie sind – mit all ihren Schwächen und Stärken. Brachte mich in der Kindheit die fast stoische Ruhe meiner Mutter beinahe zur Weißglut, so stellte gerade diese sich als wahrer Segen bei der Hausgeburt meines Sohnes heraus. In dieser aufregenden Phase war meine Mutter der Ruhepol, an dem ich mich aufrichten, woraus ich Kraft schöpfen durfte. Die Haupteigenschaft der Menschen in meinem engsten Umfeld besteht nach wie vor aus mehr Geben denn Nehmen. Ich wuchs in einer Familie heran, in der das Helfen einen außerordentlich wichtigen Stellenwert innehatte. An sich selbst dachten diese Menschen erst in weiterer Folge. Als Kind deutete ich das Handeln meiner Eltern oft falsch, fühlte mich dadurch selbst zurückgestellt. Heute erlebe ich diesen Part des Lernens von Vorteil, weil ich dadurch gelernt habe, das Wohl der Mitmenschen in den Vordergrund zu stellen, und das bei allem, was ich arbeite, plane und lebe. Natürlich hatte ich beim Erlernen dieser Lektion auch so manche Stolpersteine zu überwinden, bis ich endlich begriff, dass ich nur Menschen helfen kann, die das auch von sich aus wollen und annehmen können. Ich kann meine liebenswerten Eigenschaften zwar vorleben, annehmen wird sie aber nur der Mensch, der zu sich aus ganzem Herzen sagt: »Ja, ich will!«

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Sprich mein Herz
Ein Ratgeber von Christine Lackner



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