Dienstag, 28. August 2012

»Das können Sie sofort wieder vergessen! Ich steig aus!«

Das Leben des Mädchens Jade Danes ändert sich gravierend, als sie auf dem Heimweg nach dem enttäuschend verlaufenen Abschlussball von unheimlichen Gestalten in Kutten verfolgt wird.

Mit gesenktem Kopf machte ich mich auf den Weg nach Hause. Es war zwar ein Stück zu laufen, aber ich brauchte ohnehin etwas frische Luft, um wieder etwas runterzukommen. Jetzt Fragen von Helen gestellt zu bekommen, warum ich schon wieder und so früh da sei und Derartiges, würde ich nicht ertragen. Kaum hatte ich mich vom Schulgelände entfernt, hörte ich Schritte hinter mit. Ich drehte mich um, konnte in der Dunkelheit jedoch niemanden erkennen. Instinktiv ging ich schneller. Obwohl es wahrscheinlich meine eigenen Schritte waren, die widerhallten. Zumindest hoffte ich, dass es so war, und dass ich mir das einredete, beruhigte mich etwas. Doch dann sah ich einen Schatten und war mir sicher, dass ich nicht allein war. Hätte ich doch besser den längeren Weg durch die Stadt genommen anstatt der Abkürzung durch die kaum belebten Straßen. »Hallo?«, fragte ich heiser in die Stille hinein. Danach fiel mir ein, dass die Leute, die in Horrorfilmen Hallo riefen, immer als Erste starben. Ein erneutes Rufen ließ ich also bleiben. Vielleicht sollte ich doch schnell zur Highschool zurück und mir einfach ein Taxi rufen, oder meine Eltern aus dem Bett klingeln. Bevor ich mich endgültig entschlossen hatte, umzudrehen, spürte ich, dass jemand direkt hinter mir stand. Meine Nackenhärchen stellten sich direkt auf, und bevor ich losrennen oder schreien konnte, presste sich eine Hand auf meinen Mund und ich wurde mitgezogen. Ich versuchte den, der mich gepackt hatte, zu treten, zu beißen oder sonst irgendwie zu verletzen, um von seinem Griff loszukommen, doch vergeblich. Meine Panik stieg noch, als ich in einen dunklen Hauseingang gezogen wurde. Hier würde uns wirklich keiner sehen können, selbst wenn sich mal jemand hierher verirrte. Was hatte der bloß vor? »Ich nehme gleich meine Hand von deinem Mund und lass’ dich los. Unter der Bedingung – dass du weder schreist, noch wegläufst. Hast du mich verstanden?«, hauchte eine männliche Stimme in mein Ohr. Es klang weder bedrohlich noch besonders Angst einflößend, aber meine Hysterie blieb natürlich bestehen. Ich nickte kräftig, und als er seine Hände wirklich von mir löste, schrie ich und versuchte loszurennen. Kaum hatte ich einen Schritt nach vorne gemacht, war ich in derselben Situation wie vorher. Durch eine Hand, die auf meinem Mund lag, zum Schweigen gebracht, und mit eisernem Griff festgehalten. »Schön, dass du so gut Befehlen folgen kannst. Ich seh’ schon, dass es lustig mit dir werden kann«, meinte der Unbekannte wenig begeistert, doch seine Stimme klang noch immer relativ ruhig. Der Mann hob mich einfach hoch und raste in einem ziemlich schnellen Tempo aus dem dunklen Hauseingang. Anstatt nach ihm zu treten, klammerte ich mich jetzt an ihm fest. Dass der mit mir als Ballast so schnell laufen konnte, war mir ein Rätsel. Kaum hatte ich mir die Frage gestellt, wohin es gehe und was nun los sei, befand ich mich auf dem Beifahrersitz eines Autos. Die Fahrertür schlug eine Sekunde danach zu und mein Entführer saß neben mir auf dem Beifahrersitz. Dadurch, dass es im Auto ziemlich dunkel war, konnte ich nicht viel von ihm erkennen. Für ein Phantombild für die Anzeige, die ich mit Sicherheit erstatten würde, war das wohl nicht genug. Als ich mich dazu entschlossen hatte, ihm damit zu drohen, dass ich Anwälte und andere Leute kannte, die ihn lebenslänglich ins Gefängnis verfrachten würden, wurde ich von etwas anderem abgelenkt. Eine weitere Gestalt kam ziemlich schnell auf uns zu. Es schien, als wenn sie eine Kutte tragen würde. Ich schreckte völlig zusammen, als die Person auf die Motorhaube sprang und auf ihr eine ziemliche Beule hinterließ. »Schnall dich an«, forderte mich der Mann auf dem Fahrersitz auf. »Das können Sie sofort wieder vergessen! Ich steig aus!«, brüllte ich und tastete die Wagentür nach dem Türgriff ab. »Suchst du den?«, fragte er tonlos und hielt einen herausgebrochenen Türhebel hoch. Kurz darauf fuhr er mit einem ziemlichen Tempo im Rückwärtsgang los. Die Gestalt auf der Motorhaube versuchte sich festzuhalten, wurde jedoch vom Wagen geschleudert, als dieser eine rasante Drehung machte, um vorwärts zu fahren. Ich wurde hin und her geschaukelt und entschloss mich nun doch, mich anzuschnallen. »Na, geht doch«, kam es vom Fahrersitz. Ob das nun darauf bezogen war, dass ich mich anschnallte, oder dass der Kerl vom Auto geflogen war, konnte ich nicht sagen. Ich klammerte mich an meinen Sitz fest und atmete hektisch. Der Kerl fuhr ziemlich schnell, achtete weder auf Verkehrszeichen, noch auf Dinge, die im Weg standen. Der Wagen rammte einige Mülltonnen. Wahrscheinlich wäre es sogar ungefährlicher gewesen, mit Max zu fahren, der wohl schon seinen Rausch ausschlief. »Was wollen Sie von mir?!«, fragte ich, immer noch in einem ziemlich unfreundlichen Ton. Ich hatte keine Ahnung, was vor sich ging, und die Ungewissheit, was nun passierte, war mehr als Angst einflößend. »Hör mal auf, mich hier so anzubrüllen. Ich fahr’ dich nach Hause, also reg dich ab«, sagte er noch immer ruhig. »Ich will aber lieber laufen!«, brüllte ich nun lautstark. »Dann steig doch aus.« Ich konnte an seiner Stimme hören, dass er amüsiert war, auch wenn ich nicht sehen konnte, ob er gerade grinste. »So ohne Türgriff ist das schlecht!«, zischte ich ihn an und warf einen tödlichen Blick in seine Richtung. Ich kurbelte das Fenster runter. Das würde wohl auch als Notausstieg reichen. »Dann fahren Sie rechts ran!«, sagte ich noch immer ziemlich aufgebracht. »Hey, ich hab’ nicht gesagt, dass ich anhalte. Wenn du raus willst, musst du das schon während der Fahrt machen«, sagte er noch immer in derselben Tonlage. Es reizte mich, dass er sich auch noch darüber lustig machte, dass ich hier Todesängste erlitt. »Haha! Was wollen Sie von mir?!«, wollte ich dann wissen. Doch ich bekam keine Antwort. Nachdem ich weitere Male dieselbe Frage stellte, oder ihn eher anschrie, kam noch immer kein Wort aus seinem Mund. Schließlich gab ich es auf, lehnte mich zurück und verschränkte skeptisch die Arme. »Was war das gerade für ein Kuttenkerl?«, fragte ich dann mit normaler Stimme und diesmal bekam ich sogar eine Antwort. »Vielleicht ein Mönch, der sich verlaufen hat oder so. Nichts, wovor du dich fürchten müsstest. Ich dachte nur, du könntest eine Mitfahrgelegenheit gebrauchen und fand die konventionelle Methode, also zu fragen, irgendwie zu langweilig«, sagte er, ohne zu mir zu sehen. »Witzig«, murrte ich und sah mit wütendem Blick durch die Windschutzscheibe. Wir befanden uns wirklich schon in der Straße, wo ich wohnte. »Woher wissen Sie, wo ich wohne?«, fragte ich heiser. Wer war der Kerl bloß? Ich bekam die totale Panik. War das ein Stalker? »Telefonbuch«, sagte er scherzhaft und machte schließlich das Licht im Inneren des Wagens an, als er vor meiner Haustür parkte. Nun konnte ich endlich einen Blick auf meinen Entführer, Chauffeur, Stalker, oder was auch immer er nun war, werfen. Er hatte kurze braune Haare, die gestylt waren, einen leichten Stoppelbart und schien kaum älter zu sein als ich. Ich schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Seine Gesichtszüge waren ziemlich ernst, was ich sonst eigentlich nur von älteren Leuten kannte, die verbittert waren. Seine braunen Augen sahen mich an und er hob eine Augenbraue. »Was starrst du mich so an?«, fragte er mürrisch. »Ähm … tut mir leid«, sagte ich und wendete meinen Blick schnell ab. Warum entschuldigte ich mich denn jetzt? Eigentlich hätte er sich für seine Entführungsaktion und seine nichtssagenden Auskünfte entschuldigen müssen. »Du solltest deine Schminke richten. Man sieht, dass du geweint hast. Deine Adoptiveltern machen sich sonst garantiert Sorgen«, sagte er kühl und klappte den Sonnenschutz über mir runter, in dem sich ein Spiegel befand. Ich sah wirklich schrecklich aus. Ziemlich blass und unter meinen Augen war überall Wimperntusche, die sich durch meine Tränen verschmiert hatte. Er hielt mir eine Flasche Wasser und eine Packung Taschentücher hin, die er vom Rücksitz geholt hatte. »Danke«, murmelte ich und wischte mit einem befeuchteten Tuch die Überreste meiner Schminke weg. »Falls du mal in Schwierigkeiten stecken solltest … ruf mich an«, sagte er kurz darauf und hielt mir einen Zettel entgegen, auf dem eine Handynummer stand. »In Schwierigkeiten? Inwiefern?«, fragte ich skeptisch nach, nahm jedoch den Zettel gleich an. »Du wirst wohl wissen, wenn es soweit ist. Ich kann dir aber eigentlich versichern, dass es nicht dazu kommen wird«, antwortete er und warf mir einen zuversichtlichen Blick zu. »Und jetzt geh schlafen und denk nicht zu viel über diese Nacht nach«, fügte er noch hinzu. »Wenn Sie mir vernünftige Antworten geben würden, dann müsste ich wohl nicht so viel darüber nachdenken, was heute Nacht überhaupt alles passiert ist. Sie sprechen nur gerade in Rätseln«, seufzte ich. Bedroht fühlte ich mich nun eigenartigerweise nicht mehr. Ich war lediglich ziemlich verwirrt, war mir aber sicher, dass von dem Fremden keine Gefahr ausging. »Ich kann dir leider nichts Genaues sagen. Tut mir leid«, sagte er mit einem schwachen Lächeln und beugte sich dann zu mir, um den Griff der Tür wieder funktionsfähig zu machen. Dabei schob sich sein Ärmel etwas hoch und ein Tattoo wurde sichtbar. Es zeigte ein Pentagramm mit einem spiegelverkehrten Z. Ich starrte den Arm an, denn ich hatte das Gefühl, dass ich so etwas schon einmal gesehen hatte. Nachdem die Tür offen war, setzte der Fremde sich wieder richtig hin und zog den Ärmel seiner Jacke zurecht, damit er das Tattoo verdeckte. »Na los. Du wolltest doch vorhin unbedingt aussteigen«, forderte er mich unfreundlich auf. Ich gab ein leises Brummen von mir und stieg aus dem Wagen. »Auf Nimmerwiedersehen«, meinte ich dann zu ihm und schlug die Autotür zu. Er sah zwar gut aus, aber besonders nett oder höflich war er nun wirklich nicht. Der Wagen fuhr sofort los, nachdem ich die Tür geschlossen hatte. Mit schnellen Schritten ging ich zur Haustür und öffnete sie. Es war alles dunkel in der Wohnung. Meine Adoptiveltern waren also schon am Schlafen, was mir nur recht war. Auf Erzählungen über den Abend hatte ich keine sonderliche Lust. Ich entschloss, direkt ins Bett zu gehen und meine Überlegungen auf den nächsten Tag zu verschieben. Nach kurzer Zeit im Bad war ich dann umgezogen und betrat mein Schlafzimmer. Vorsorglich schloss ich erstmal mein Fenster und zog die Vorhänge zu. Es beunruhigte mich, dass ein Wildfremder wusste, wo ich wohnte. Vor allem, wenn er so geheimnisvoll tat. Danach legte ich mich ins Bett und versuchte einzuschlafen.

Die Hunde des Todes, ein Fantasy-Roman von Anke Kaminsky




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