Dienstag, 7. August 2012

»Mich hat niemand gefragt.« – Leseprobe aus Olivers Reisen


12

Oliver betrat das Haus. Das Licht ging an und er zuckte zusammen. Er war davon ausgegangen, ungestört die Spuren des Abends beseitigen zu können.
»Verdammt – was hast du denn gemacht?« Wolfgang starrte ihn entgeistert an. »Bist du jetzt völlig verrückt geworden?«
Oliver wischte sich über den Mund, betrachtete den Streifen Blut an seiner Hand. »Du solltest mal den anderen sehen.«
»Das ist doch …« Wolfgang stemmte seine Hände in die Hüften und schüttelte fassungslos den Kopf. »Ich weiß nicht, was das werden soll. Was denkst du dir? Willst du mich in den Wahnsinn treiben?«
Oliver rieb das Blut an seiner Jacke ab. »Ich wüsste nicht, was das mit dir zu tun haben sollte.«
»Was das mit mir – solange du unter meinem Dach wohnst, gelten immer noch meine Regeln.«
»Ich kann mich nicht erinnern, darum gebeten zu haben, unter deinem Dach zu wohnen. Mich hat niemand gefragt.«
»Aber mich auch nicht«, schnappte Wolfgang zurück. Er zuckte zusammen. »Scheiße«, brummte er.
»Ja, Scheiße«, bestätigte Oliver, »ich hab’ eh genug.«
Wolfgang seufzte. Der Blick, den er Oliver zuwarf, enthielt viel Traurigkeit, sodass dieser in seiner Entschlossenheit zu schwanken begann.
»Jetzt mach dich erst mal wieder sauber.«
Wolfgang drehte Oliver rasch den Rücken zu. Er begann, in verschiedenen Schrankfächern zu kramen. Eine Packung Aspirin und ein paar Pflaster förderte er zutage. Dann sah er den Jungen an. »Irgendwelcher Schwindel, Kopfschmerzen oder so?« Dunkel erinnerte er sich an das Thema Erste Hilfe.
»Alles bestens.«
»Dann reden wir nicht mehr drüber. Ab morgen will ich ein anderes Verhalten bei dir sehen.«
»Ja, klar«, brummte Oliver. Er wunderte sich, dass in ihm die Versuchung aufstieg, das Versprechen mit einem Hauch von Ehrlichkeit abzugeben. 


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