Donnerstag, 20. September 2012

Leseprobe aus »Nur geträumt?«, Kapitel 7

Philipp vertraute weiterhin auf Zeichen, die kommen und uns den Weg weisen würden. Wir müssten nur geduldig darauf warten und sie im richtigen Augenblick wahrnehmen. Alles würde gut werden, weil ja ohnehin alles vorherbestimmt sei.

Wir hielten gerade so viel Distanz, wie wir es konnten, ohne uns selbst dabei wehzutun. Vor allem wollten wir nichts übereilen und auch keinen Schritt in eine falsche Richtung tun.

Unser Geheimnis war auf das Äußerste gefährdet. Was wäre gewesen, wenn Paul statt meiner den Briefkasten geleert und dabei die Ansichtskarte entdeckt hätte?

Philipp entschuldigte sich für diese Ungeschicklichkeit noch am selben Tag am Telefon.
»Die Gefühle sind halt mit mir durchgegangen.«

Er hatte sich einer Freundin anvertraut, die gerade Ähnliches erlebte. Sie gab ihm den Rat, jedes »Warum ist es so gekommen?« und »Warum verhalte ich mich so und nicht anders?« zu unterlassen. Diese und ähnliche Fragen seien sinnlos. Gefühlsmenschen hätten gewisse Vorteile im Leben aber auch Probleme, und sie könnten ihr Naturell nicht ändern, vielleicht aber lernen, damit zu leben.

Philipp war der Ansicht, dass jede sinnvolle Lösung auch unsere Familien mit einzubeziehen habe. Ein Verschweigen oder gar ein Doppelleben würde nur Misstrauen bei den jeweiligen Partnern schaffen und Gefühlskonflikte, denen er sicherlich nicht lange gewachsen wäre. Er spürte, dass er so schnell wie möglich mit seiner Frau reden musste, solange er ihr ohne Schuldgefühle ins Gesicht sehen konnte. Er hatte den Eindruck, wenn wir nicht sofort aktiv handelten, würde sich auch unsere noch aufrecht gehaltene Distanz zusehends schwieriger gestalten. Verständnis könnten wir höchstens zum augenblicklichen Zeitpunkt erwarten und bestimmt nicht mehr nach einer Zeit des Doppellebens. So schnell wie möglich wollte er sich vom Druck befreien und das Gefühl aus der Welt schaffen, Verbotenes zu tun. Ob wir in unsere Familien zurückfänden und enge Freunde bleiben könnten, würde sich ja weisen. Sollten wir nicht voneinander loskommen, so sollten wir es uns – und auch unseren Angehörigen – eingestehen können. Wir sollten aber unsere Gefühle nicht knebeln, war ein zusätzlicher Tipp der Freundin von Philipp. Gefühle, die über eine normale Freundschaft hinausgingen, beruhigten sich entweder von selbst, wenn wir wieder mehr zu den Partnern fänden – oder auch nicht.

Herz und Verstand seien eben Gegensätze, in deren Spannungsfeld das Leben ablaufe. So vernünftig und einleuchtend etwas auch erscheine, werde es doch nicht bestehen können, wenn die Gefühle stärker sind.

Wir könnten uns noch so viel vornehmen, was würde es bringen, wenn wir uns in die Augen sähen und dahinschmolzen. Das würden wir ohnehin nie lenken können. Wir sollten solche Situationen weder provozieren noch davor weglaufen.

Wir telefonierten gerade, als die Verbindung jäh abbrach. Philipp befürchtete schon öfter, dass wir durch unsere Partner überwacht würden. So hatte er auch Bedenken, meine Briefe könnten ihn nicht erreichen. 

Nach dem Telefonat ließ mir Paul keine Ruhe mehr, er wollte endlich wissen, was tatsächlich zwischen uns lief. Daraufhin erzählte ich ihm von Philipp. Natürlich gestand ich ihm nicht die ganze Wahrheit, aber die konnte er sich schon denken, wenn nicht sogar spüren. Ich bestätigte lediglich unser gegenseitiges freundschaftliches Interesse. Schließlich hätten auch andere Kursteilnehmer Freundschaften geschlossen.


Nur geträumt?

Abschied von der großen Liebe

Ein Liebesroman von Christine Lackner





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