Donnerstag, 13. Dezember 2012

Leseprobe ›INSOLVENZ‹


1

An diesem Montagmorgen war die Stimmung im Betrieb so wie an solchen Tagen üblich. Die Erzählungen von den Erlebnissen am Wochenende waren zunächst wichtiger als die Arbeit, der eigentliche Anlass für das Treffen an diesem Ort. Der Ausflug mit den Kindern, der nicht mehr vermeidbare Besuch bei der Schwiegermutter, die Enttäuschung über den Liebhaber, der kein Liebhaber mehr war, weil er ohne Entschuldigung ein Treffen hatte platzen lassen, waren bis zur Frühstückspause die wichtigsten Themen.
Als Paul Kämpfer, Inhaber der Textilgroßhandlung Kämpfer & Co. KG, nach der Pause in seinen Betrieb kam, sah er eine eifrig arbeitende Belegschaft. Ware wurde verpackt und in Fahrzeuge verladen, als E-Mail oder Fax eingehende Bestellungen registriert, Rechnungen gedruckt, mit Vertretern verschiedener Hersteller Gespräche geführt. Dies beobachtete Kämpfer bei seinem Rundgang durch den Betrieb, bevor er das Vorzimmer zu seinem Büro betrat.
Sabine Krüger, die Sekretärin, sortierte die eingegangene Post. Seinen Gruß erwiderte sie nicht. Sie schwieg auch, als sie kurz darauf die Postmappe auf Kämpfers Schreibtisch legte, sich sofort abwandte, die Tür offen ließ und durch das Vorzimmer auf den Flur eilte.
Kämpfer sah ihr nach, schüttelte verständnislos den Kopf, schloss die Tür und schlug die Postmappe auf.
Der erste Brief war vom Vermieter der Geschäftsräume gekommen. Er hatte das Grundstück an die Zinsgewinn AG verkauft und teilte mit, dass die Miete in Zukunft an die neue Eigentümerin zu zahlen sei. Unter diesem Schreiben lag ein als Einschreiben mit Rückschein gekennzeichneter Brief der Zinsgewinn AG.
Das Unternehmen kündigte den Mietvertrag mit einer Frist von sechs Monaten. Diese Maßnahme sei leider erforderlich geworden, weil alle auf dem Grundstück vorhandenen Gebäude kurzfristig beseitigt werden müssten. Die Errichtung eines Bürogebäudes mit zehn Geschossen sei geplant. Falls Kämpfer an einem der modernen, neuen Büros interessiert sei, werde man ihn unter den zahlreichen Unternehmen, die schon jetzt Mietverträge abschließen wollten, gern bevorzugt berücksichtigen.
Paul Kämpfer blickte verstört auf den Brief, las ihn noch einmal und dachte: Das dürfen die nicht mit mir machen.
Er musste sich wehren, aber im Moment fand er es noch wichtiger, dass der Inhalt des Briefes den Mitarbeitern nicht bekannt wurde.
Er griff zum Telefon und rief im Vorzimmer an. Als er durch die geschlossene Tür den Klingelton hörte, wurde ihm bewusst, wie aufgeregt er wegen des Briefes war. Er hatte noch nie das Telefon benutzt, um die Sekretärin in sein Büro zu rufen.
»Wer hat diesen Brief gesehen?«
»Niemand. Nur Sie und ich kennen diesen Brief.«
»Gut. So muss es auch bleiben. Wissen Sie, was das hier für uns bedeutet? Was soll ich tun? Zum ersten Mal während der zehn Jahre seit der Gründung dieses Geschäfts brauche ich den Rat eines Rechtsanwalts. Kennen Sie einen?«
»Ich könnte meinen Schwager fragen, wie man sich gegen diese Kündigung wehren kann. Er ist Jurist, arbeitet bei einem Reiseunternehmen, war aber vor einem halben Jahr noch für einen Mieterschutzverein tätig.«
»Bitte rufen Sie ihn an. Es gibt doch mehrere Gesetze für den Schutz von Mietern. Fragen Sie ihn, auf welche Bestimmung wir uns berufen können.«
Frau Krüger brauchte nur fünf Minuten um die Auskunft einzuholen. Die Gesetze über Mieterschutz gelten nur für private Wohnräume, nicht für Gewerberäume.
Damit war für Kämpfer klar, dass ein Streit mit den neuen Vermietern aussichtslos wäre. Er hielt es aber nicht für zumutbar, allein die Kosten des Umzuges zu tragen.
Also diktierte er einen Brief an die Zinsgewinn AG und verlangte die Erstattung der Maklerprovision für die Vermittlung neuer Betriebsräume sowie der bei dem Umzug anfallenden Kosten für die Beförderung der Ware und der Betriebseinrichtung.
Unmittelbar nach dem Diktat dachte er, damit etwas Wichtiges getan zu haben. Aber nachdem er den Brief unterschrieben hatte, merkte er, dass er keinen klaren Kopf hatte, der ihn sonst befähigte, logisch zu denken und gut begründete Entscheidungen zu treffen.
Er las den Brief noch einmal und zweifelte, ob er damit Erfolg haben werde. Sollte er diesen Brief nicht absenden, sondern die Sache einem Rechtsanwalt übergeben? Ein junger Anwalt verfügte wohl nicht über ausreichende Erfahrungen für Verhandlungen mit so großen Unternehmen wie der Zinsgewinn AG, ein älterer, erfahrener würde den Fall wahrscheinlich ablehnen, weil er daran nicht genug verdienen könnte.
Kämpfer sah keinen Sinn darin, weiter über die Wahl zwischen einem jungen und einem älteren Rechtsanwalt nachzudenken. Da er keinen Rechtsanwalt kannte, riskierte er in jedem Fall, an einen Anwalt zu geraten, der sich erfolglos um die Mietangelegenheit bemühte, aber auch für seine erfolglose Arbeit eine Vergütung verlangen dürfte.
Deshalb entschied sich er schließlich dafür, den Brief abzusenden. Er hatte gerade die Briefmappe geschlossen und wollte sie der Sekretärin geben, als Karl Möller, einer der Kraftfahrer, das Büro betrat.
»Tag, Herr Kämpfer. Haben Sie eben den Knall gehört? Das war mein Transporter. Ich weiß nicht, was da kaputt gegangen ist. Aber fest steht, dass der Wagen in die Werkstatt muss.«
»Besorgen Sie sofort einen Mietwagen.«
»Dafür brauch ich aber was Schriftliches. Sonst muss ich den Mietwagen selbst bezahlen.«
»Frau Krüger wird sich darum kümmern.«

Karl Möller und Sabine Krüger hatten gerade das Büro verlassen, da rief Heinz Heinze, ein Einzelhändler, an. Heinze überraschte Kämpfer mit einer Einladung zum Abendessen, die Ehefrau sei selbstverständlich auch eingeladen. Es gebe etwas Wichtiges zu besprechen, sagte Heinze. Er bat deshalb um einen Termin im Laufe der Woche.
Man einigte sich auf ein Treffen am Dienstag.
Paul Kämpfer rief Hanna, seine Frau, an, um ihr von Heinzes Einladung zu erzählen. Über die Kündigung des Mietvertrages und den Schaden am Transporter sagte er nichts.

Die Sekretärin hatte veranlasst, dass der Transporter in die Werkstatt geschleppt und der Schaden sofort festgestellt wurde. Am Nachmittag meldete sich Norbert Kunze, der Inhaber der Werkstatt.
»Herr Kämpfer, es geht um Ihren Transporter. Wir …«
»Sind Sie schon fertig? Prima. Ich schicke gleich einen Fahrer zu Ihnen.«
»Nein, wir sind noch nicht fertig. Genauer gesagt, wir haben noch gar nicht angefangen mit der Reparatur. Ich muss erst etwas mit Ihnen besprechen.«
»Was gibt es da zu besprechen? Ich brauche den Wagen, also reparieren Sie ihn!«
»Wir haben die Kosten ermittelt. Die Reparatur würde zweitausendachthundert Euro kosten. Der fahrbereite Wagen ist aber nur noch dreitausend Euro wert. Und Sie sollten auch bedenken, dass das Fahrzeug einen Dieselmotor hat. Dafür haben Sie eine rote Umweltplakette bekommen. Die Großstädte, die man von hier aus in einem Umkreis von fünfzig Kilometern erreichen kann, werden solche Autos in einem halben Jahr nicht mehr in ihre Zentren fahren lassen. Das steht in der heutigen Zeitung. Ich meine, es wäre günstiger für Sie, wenn Sie den alten Wagen nicht reparieren ließen, sondern sofort einen neuen kauften.«
»Zu welchem Preis?«
»Einen Kastenwagen mit Ottomotor kann ich Ihnen ab vierundvierzigtausend Euro anbieten.«
»Über dieses Angebot muss ich erst nachdenken. Reparieren Sie noch nichts. Ich melde mich.«
»Frau Krüger, haben Sie eine Zeitung mitgebracht?«, rief Kämpfer so laut, dass die Sekretärin ihn trotz geschlossener Tür gut verstehen konnte.
Sie stieß die Tür zu seinem Zimmer auf, legte die Zeitung auf den Schreibtisch, versuchte vergeblich, eine geknickte Ecke glatt zu streichen und murmelte:
»Entschuldigung, die Blätter sind nicht richtig geordnet. Wenn Sie es wünschen, mache ich das sofort.«
Er winkte unwirsch ab.
»Das ist nicht wichtig. Haben Sie einen Artikel über Umweltplaketten gefunden? Kunze von der Autowerkstatt sagte mir gerade, dass darüber etwas in der heutigen Zeitung stehe.«
»Für den Wirtschaftsteil hatte ich noch keine Zeit. Während des Frühstücks konnte ich nur einige Artikel ansehen, die mich interessieren.«
»Und was ist so interessant für Sie?«
»Montags immer das Horoskop der Woche. Ich habe sehr gute Aussichten in den nächsten Tagen, beruflich und in der Liebe. Letzteres kann nur bedeuten, dass ich einem attraktiven Mann, den ich noch nicht kenne, begegnen werde. Das ist aufregend.
Aber Sie brauchen einen Artikel über die Umweltplaketten für Autos. Ich will gern danach suchen, wenn ich meine Zeitung wieder mitnehmen darf.«
»Nein, das dürfen Sie nicht! Ich suche den Artikel selbst und will nicht gestört werden. Wenn jemand nach mir fragt, sagen Sie, ich sei nicht im Hause.«
»Okay, aber ich möchte mir noch eine Telefonnummer notieren.«
Sie nahm ein Blatt aus dem auf Kämpfers Schreibtisch stehenden Zettelkasten, griff mit der rechten Hand zu Kämpfers versilbertem Kugelschreiber und blätterte gleichzeitig mit der linken Hand die Zeitungsseiten um. Auf einer Seite mit Kleinanzeigen fuhr sie mit dem Zeigefinger der linken Hand eine Spalte hinunter, stoppte die Suche, markierte mit einem Fingernagel eine Anzeige und schrieb eine Telefonnummer auf den Zettel. Dann verließ sie mit beschwingten Schritten das Zimmer und schloss die Tür.
Kämpfer suchte die markierte Anzeige und las:

Herkules sucht Schnuckimaus. 
Telefon …

Solch eine Dreistigkeit darf man sich als Chef nicht gefallen lassen. Er hatte um die Existenz dieses Unternehmens zu kämpfen und die Sekretärin behindert ihn, indem sie für die Verwirklichung des Horoskops der Woche nach einer Telefonnummer sucht.
Mit drei langen Schritten eilte er zur Tür, riss sie auf und hörte die Krüger säuseln:
»Hallo, hier ist die Schnuckimaus.«
Paul Kämpfer hob ihr Telefon vom Schreibtisch und zog das Kabel heraus.
»Herr Kämpfer, ich … ich hatte ein Gespräch mit einem sehr wichtigen Kunden!«
»Wir haben keinen Kunden mit dem Namen Herkules. Sollten Sie noch einmal versuchen, mich zu täuschen, dann wären Sie auf diesem Platz nicht mehr tragbar. Es ginge dann nur noch darum, ob Sie die Toiletten und den Kaffeeautomaten reinigen dürften.
Und nun holen Sie von meinem Schreibtisch die Zeitung, suchen den Artikel über die Feinstaubplaketten und notieren die Städte, in denen das Fahren mit Autos mit roter Plakette verboten werden soll.
Dann rufen Sie die Stadtverwaltungen an und fragen, ob die Meldung in der Zeitung richtig ist. Ich werde in einer Stunde zurückkommen.«

Kämpfer verließ das Büro, blickte auf dem Flur kurz nach rechts und links und zog dann energisch die Tür zu.
Der dabei entstehende Knall verscheuchte die letzten Spuren des Traumes von Herkules aus Frau Krügers Kopf.
Sie konzentrierte sich auf die Arbeit, denn sie wollte den Chef nicht noch einmal enttäuschen.
Seine Drohung, ihr die Reinigung der Toiletten zu übertragen, nahm sie nicht ernst. Aber sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil ihr klar war, dass sie eine Vertrauensstellung im Betrieb hatte und dieses Vertrauen durch einwandfreie Arbeit rechtfertigen musste.
Sie fand in der Zeitung den Artikel mit der Ankündigung der Fahrverbote für Autos mit roter Umweltplakette, schob eine CD-ROM mit Daten aus dem Telefonbuch in den Computer, steckte das Telefon wieder an und wählte eine Nummer.


Dieser Roman wird noch vor Weihnachten erscheinen!

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