Samstag, 2. Februar 2013

Leseprobe aus dem Roman "Insolvenz"


 20

Er suchte einen Parkplatz und sah Hannas Auto vor dem Grundstück der Mohrmanns. Die Garage auf dem Grundstück stand offen. Sie war leer, also war Karl Mohrmann nicht zu Hause. Paul parkte seinen Wagen und überlegte, ob er trotzdem in das Haus gehen sollte. Dann würde er Hanna begegnen, aber er war auf ein Gespräch mit ihr nicht vorbereitet.
Er bereute zwar, dass er sie verletzt hatte, war aber davon überzeugt, dass Karl Mohrmann nur ausführte, was seine Tochter wünschte.
Sie musste ihrem Vater die Vollmacht entziehen, sie musste die Kündigung zurücknehmen, sonst gäbe es keine neue Grundlage für ein gemeinsames Leben. Das musste sie verstehen.
Nein, so durfte er nicht mit ihr reden. Sonst könnte sie behaupten, er habe sie zur Scheidung gedrängt. Die aktuellen Probleme wären Kleinigkeiten im Vergleich mit den Geldsorgen, mit denen er nach einer Scheidung konfrontiert wäre.
Also keine Vorwürfe. Obwohl sie mit ihrem Vater die Krise verursacht hatte.
Er verwarf den Gedanken an eine Unterredung mit Hanna, war entschlossen, nur mit Karl Mohrmann zu sprechen.
Er rief Sabine Krüger an, sein Termin werde ihn länger beanspruchen als geplant. Falls jemand nach ihm frage, solle sie ihn anrufen.
Sie antwortete, dass seine Mutter gefragt habe, ob er schon wisse, wann er sie heute besuchen werde.
Er wusste es nicht, er war durch den Gedanken an den Streit mit Mohrmann, dem er nicht aus dem Wege gehen konnte, abgelenkt gewesen.
Seine Mutter werde er anrufen. Er dachte auch an das mit dem Makler verabredete Treffen am Nachmittag.
Im Rückspiegel sah er, dass Mohrmanns Auto auf das Grundstück fuhr.
Paul stieg aus und ging mit schnellen Schritten in die gleiche Richtung.
Als er die Pforte erreicht hatte, trug Hanna mehrere Tüten zum Hauseingang. Nach wenigen Schritten war er neben ihr.
»Gib her, ich helfe dir.«
Sie hatte ihn nicht bemerkt, wich erschrocken zurück und ließ die Tüten fallen.
Er hatte sich gebückt um die Tüten aufzuheben, als hinter ihm Hertha Mohrmanns Stimme erklang:
»Herr Kämpfer, was tun Sie hier? Sie sind in diesem Hause nicht erwünscht.«
Paul hielt inne.
Die Anrede Herr Kämpfer hatte ihn hart getroffen.
Er erinnerte sich an die hochmütige Art, auf die Hertha ihn in der ersten Zeit ihrer Bekanntschaft behandelt hatte. Damals hatte er sich still geärgert und erfolglos darum bemüht, einen guten Eindruck zu machen.
Heute war er jedoch gekommen, um für seine Sache zu kämpfen. Er sprang auf und brüllte:
»Ich helfe meiner Frau! Das verbieten Sie mir nicht!«
Dabei ging er einen Schritt auf die Schwiegermutter zu. Karl Mohrmann stellte sich vor seine Frau und sagte mit seiner sonoren Bassstimme:
»Was soll dieses Geschrei? Können wir uns nicht wie gut erzogene Menschen benehmen?«
»Wie gut erzogene Menschen benehmen. Gehört dazu auch, dass man andere rücksichtslos kaputtmacht? Sind das die guten Sitten der studierten Gesellschaft?
Wir sehen uns vor Gericht! Ihnen werde ich noch kräftig einheizen!«, schrie Paul und versetzte Mohrmann einen Stoß gegen die Schulter.
Mohrmann fiel in ein Rosenbeet, zerkratzte sich die Hände und zerriss sein Hemd.
Kämpfer sah den Sturz mit Genugtuung, rührte sich nicht und sah zu, wie Hanna versuchte, ihrem Vater beim Aufstehen zu helfen.
Frau Mohrmann ging auf Paul zu und rief:
»Verschwinden Sie, oder ich rufe die Polizei!«
Paul grinste höhnisch.
»Ja, ja, Oma. Ich geh ja schon.«
Er hatte die Pforte noch nicht erreicht, da lief Hanna plötzlich laut um Hilfe rufend und die Arme über den Kopf schwenkend zum Zaun. Sie beugte sich über den Zaun und hörte nicht auf zu rufen.
Kämpfer blieb verdutzt stehen. Es war niemand auf der Straße. Er verstand nicht, weshalb Hanna sich so verhielt.
Sie rief:
»Halten Sie den Mann fest!« und deutete mit ausgestrecktem Arm auf Paul.
Bevor er begriff, was hier geschah, standen zwei Polizeibeamte neben ihm.
»Was werfen Sie dem Mann vor?«, fragte einer der beiden.
»Körperverletzung«, rief Karl Mohrmann, der sich inzwischen von den Dornen befreit hatte. »Dieser Mann ist gefährlich. Er hat mich gerade auf meinem Grundstück in das Rosenbeet gestoßen. Sehen Sie sich an, wie ich jetzt aussehe. Ich blute und mein Hemd ist zerrissen.
Und meine Tochter hat er so schwer verletzt, dass sie sich gestern in ärztliche Behandlung begeben musste. Befreien Sie uns von diesem Menschen.«
Einer der Polizisten fragte Kämpfer, ob er sich ausweisen könne. Kämpfer gab ihm seinen Personalausweis und seinen Führerschein. Der Beamte notierte Namen, Anschrift und Geburtsdatum und fragte:
»Was haben Sie zu diesen Vorwürfen zu sagen?«
Paul antwortete nicht. Er sah seine Frau an, die sich ihrem Vater zugewandt hatte, seine Wunden betrachtete, ihm ihre rechte Hand auf die Schulter legte und sagte:
»Papa, du musst das desinfizieren. Damit solltest du nicht lange warten.«
Er wartete darauf, dass Hanna ihn ansah, aber das tat sie nicht. Sie zeigte nur Sorge für den Vater.
Hertha Mohrmann ging auf die Polizisten zu, fragte sie, ob sie im Moment gebraucht werde, sonst werde sie ins Haus gehen.
Wenn man eine Auskunft von ihr brauche, werde man sich melden, lautete die Antwort.
»Herr Kämpfer, wollen Sie sich jetzt nicht zu dem Vorwurf der Körperverletzung äußern? Sie sind nicht dazu verpflichtet.«
»Diese Leute wollen mich vernichten. Ich wehre mich nur.«
Er nahm eine straffe Haltung an und wollte mit verschlossenem Gesicht zeigen, dass mit diesem Satz alles Erforderliche gesagt sei.
»Wollen Sie damit sagen, dass Sie in Notwehr handelten? Wurden Sie von dem Herrn angegriffen, bevor Sie ihn ins Rosenbeet stießen?«
»Er greift mich schon seit Tagen an, er ist gemein und hinterhältig.«
»Das ist Unsinn!
Herr Kämpfer hatte eine Meinungsverschiedenheit mit meiner Frau, er schrie sie an. Als ich vor meine Frau trat und erreichen wollte, dass er mit dem Geschrei aufhörte, stieß er mich um.«
Der Polizeibeamte, der Kämpfer befragt hatte, sagte:
»Es geht hier um den Vorwurf der Körperverletzung. Das ist ein Offizialdelikt. Das bedeutet, dass die Polizei ermitteln muss, wenn ihr solch ein Fall bekannt wird, ohne dass von den Verletzten ein Antrag gestellt wird. Wir können die Sache hier nicht bearbeiten.
Deshalb verfahren wir wie folgt: Herr Kämpfer kommt mit uns auf die Wache und Sie, die sich durch Herrn Kämpfer geschädigt fühlen, kommen bitte morgen Nachmittag auf die Wache, damit wir Ihre Aussagen protokollieren können. Ich muss mir jetzt noch Ihre Namen und Anschriften notieren.
Wenn Sie morgen keine Zeit haben uns zu besuchen, rufen Sie bitte an. Wir vereinbaren dann einen neuen Termin.«
Er übergab Visitenkarten und sah Kämpfer an.
»Kommen Sie mit. Wir müssen in der Dienststelle ein Protokoll aufnehmen.«
»Wohin fahren wir?«, fragte Kämpfer.
»In die Friedensstraße.«
»Gut, den Weg dahin kenne ich. Mein Wagen steht da vorn. Ich fahre hinter Ihnen her.«
»Nein, Sie fahren nicht hinter uns her. Sie steigen in unseren Dienstwagen ein.«
»Ich habe heute noch wichtige Termine. Nur mit meinem Wagen kann ich alles pünktlich erledigen. Bringen Sie mich nach der Vernehmung hierher zurück?«
»Nein, wir werden Sie nicht hierher bringen.«
»Dann fahre ich jetzt mit meinem Wagen«, sagte Kämpfer und ging an dem Polizeifahrzeug, bei dem sie inzwischen angekommen waren, vorbei. Er spürte einen harten Griff an seinem linken Arm und wurde zwei Schritte zurückgezogen.
»Ich nehme sie vorläufig fest wegen Behinderung der Polizeiarbeit. Wenn Sie sich weigern, in dieses Auto einzusteigen, werden wir unmittelbaren Zwang anwenden.«
Die Autotür wurde geöffnet.
Paul sträubte sich, wurde in den Fond gedrückt und verstand, dass er sich fügen musste.


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