Mittwoch, 28. August 2013

Insolvenz – Leseprobe


Am Montag fand Paul Kämpfer die in zwei Mappen sortierte Post auf seinem Schreibtisch vor. Es war nichts Besonderes dabei: Aufträge, Anfragen, ob Produkte bestimmter Hersteller lieferbar seien und Rechnungen. Sabine Krüger brachte ihm einen Brief in verschlossenem Umschlag.

»Hier ist ein Einschreiben. Ich musste dafür unterschreiben.«

Bevor Paul den Brief öffnete, betrachtete er beide Seiten des Umschlags. Einschreiben mit Rückschein, Herrn Paul Kämpfer persönlich, Absender Karl Mohrmann. Er war erfreut. Sein Schwiegervater schien ernsthaft an der Finanzierung des neuen Fuhrparks zu arbeiten. Den besonderen Aufwand eines Einschreibens mit Rückschein fand Kämpfer übertrieben.

Dies war gewiss ein guter Weg, um zu verhindern, dass unbefugte Mitarbeiter den Brief in die Hand bekamen, aber ein einfacher Brief an die private Anschrift hätte auch genügt, dachte er.

Er öffnete den Brief und las:


Sehr geehrter Herr Kämpfer,

ich kündige namens meiner Tochter, Frau Hanna Kämpfer, geb. Mohrmann, den Gesellschaftsvertrag für die Firma Textilgroßhandlung Kämpfer & Co. KG.

Eine Kopie der von Frau Hanna Kämpfer erteilten Vollmacht übersende ich als Anlage.

Ich habe die Löschung der Firma im Handelsregister beantragt.

Mit freundlichem Gruß

Karl Mohrmann


Paul legte den Brief auf den Schreibtisch. Seine Hände zitterten, als wenn er unter der Parkinsonschen Krankheit litte. Er starrte auf den Brief, war nicht fähig, darüber nachzudenken, wie er darauf reagieren könnte. Nahezu regungslos saß er fünf Minuten lang da. Dann stand er auf, seine Hände zitterten nicht mehr.

»Ich komme nach der Mittagspause zurück«, sagte er zu Sabine Krüger.


INSOLVENZ
ein Roman
von  Eckhard Lietz

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