Mittwoch, 4. September 2013

Der letzte Schultag


Wie es üblich für mich war, kam ich an diesem Tag nicht aus dem Bett. Mit einem leisen Fluchen hatte ich nach dem Wecker getastet und wild darauf herumgedrückt, bis ich die richtige Taste erwischt hatte, und das nervende Ding endlich Ruhe gab.

Die vagen Erinnerungen an den Traum, den ich gehabt hatte, bevor das schrille Piepen der gnadenlosen Weckmaschine mich rausgerissen hatte, schwebten mir noch immer im Kopf herum. Mit geschlossenen Augen versuchte ich, mir das Szenario wieder ins Gedächtnis zu rufen, damit der Traum genau dort fortsetzte.

Nach kurzer Zeit war ich wieder da, wo nichts unmöglich war. In meinen Träumen. Ich fand mich in der Turnhalle meiner Highschool wieder, wo, wie jedes Jahr, ein Homecoming-Ball stattfand. Um mich herum tanzten meine Mitschüler mit ihrer jeweiligen Ballbegleitung. Als ich an mir herunterblickte, sah ich, dass ich ein elegantes, schwarzes Kleid anhatte, welches mir bis zu den Kniekehlen reichte.

Für gewöhnlich hielt ich nicht sonderlich viel davon, mich schick zu machen. Es war einfach zu unbequem. Aber in diesem Moment fühlte ich mich gut. Ich fühlte mich hübsch, als wenn ich auf einmal dazugehören würde. Ich war begehrt und beliebt. Mein Blick schweifte durch den Raum. Ich wusste nicht genau, wen ich suchte, aber mein Herz begann zu rasen. Dann sah ich ihn und ich wusste genau, dass ich genau diesen Mann gesucht hatte.

Langsamen Schrittes kam er auf mich zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen, welches mein Herz – und wahrscheinlich auch die Herzen vieler anderer Mädchen – fast zum Schmelzen brachte. Es schien, als wenn er in Zeitlupe auf mich zu kam. Als ob ein Scheinwerfer ihn beleuchtete und die Schüler um ihn herum bedeutungslos wurden. Meine Mitschüler hörten auf zu tanzen und bildeten einen Kreis um uns herum. Er stand vor mir. Max Grant. Der Schulsprecher.

Derjenige, der von allen Mädchen der Schule und sogar von einigen Damen auf dem College angehimmelt wurde. Derjenige, zu dem alle Jungen aufsahen und ihn als Freund haben wollten, um sich in seinem Glanz zu sonnen.

Er war einfach perfekt. Er hatte dunkelblonde Haare, die mit Gel in Form gebracht waren. Er war stolze einsachtzig Meter groß und hatte eine sportliche Statur. Seine Augen waren blau und schienen die dunkelste Nacht erleuchten zu können.

Meine Knie waren mit jedem Schritt, den er näher gekommen war, weicher geworden. Er reichte mir seine Hand. Ohne zu zögern, legte ich meine Hand in seine. Er zog mich sanft zu sich und begann langsam, im Rhythmus der Musik, zu tanzen. Normalerweise fand ich so langsame Musik ja nicht gerade prickelnd, aber jetzt kam sie mir gelegen!

Ich passte mich seinem Tanzen an, lehnte mich leicht gegen seine Brust und genoss den Moment. Ich schloss die Augen und lächelte vor mich hin, wie es ein verliebter Teenager nun einmal tat.

»Jade?«, hörte ich ihn dann sagen und blickte zu ihm auf. Hatte ich mich verhört? Er klang gerade irgendwie wie meine Adoptivmutter.

»Jade! Wach auf, du kommst zu spät zur Schule!«


Leseprobe aus dem Roman
Die Hunde des Todes
von Anke Kaminsky

Die Autorin bei facebook







Keine Kommentare: