Dienstag, 10. September 2013

Leseprobe aus Olivers Reisen


Natürlich war es dunkel, als er ankam. Das sollte ihn nicht überraschen, kannte Oliver doch den Fahrplan und seine Ankunftszeit. Dennoch erstaunte ihn die Finsternis, die ihn empfing. Er blinzelte in die Schwärze, die jenseits des Bahnsteiges begann, und kämpfte das Unwohlsein nieder, das in ihm emporkroch.

Natürlich fehlte hier draußen die gleißende Beleuchtung, die das Nachtleben in Berlin erhellte. Sah Oliver in die Höhe, blinkten ihm Sterne entgegen. Er zweifelte daran, dass es seine Richtigkeit hatte. Es war nicht in Ordnung, die Sterne sehen zu können. Der Nachthimmel sollte eine schützende Dunstglocke bilden, unter der er sich sicher fühlen konnte. Wer auch immer von dort oben auf ihn herunter sah, besaß nicht das Recht dazu, und Oliver fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass er den forschenden Blicken nicht entkam.

Er holte tief Luft und trat einen Schritt vorwärts, entfernte sich ein weiteres Stück vom Bahnhof, und sah sich wieder suchend um. Nicht dass er wirklich glaubte, ihn holte jemand ab, aber es war sinnvoll, sich ein Bild der Lage zu machen. Das Bild trug nicht unbedingt zu Olivers Zufriedenheit bei.

Er war der einzige Fahrgast, der den Zug an diesem Ort verlassen hatte. Und nicht nur das, er war der einzige Mensch, der zu dieser Zeit unterwegs war. Oliver biss die Zähne zusammen und packte seinen Seesack fester. Es half nichts. Wo er durch musste, da musste er durch.

Oliver kannte keine Probleme damit, sich nachts in den Straßen Berlins herumzutreiben, scheute nicht vor den finstersten Bahnhofsgegenden zurück. Wieso sollten ihn die Stille und die spärliche Beleuchtung dieses miesen Kaffs beeindrucken?

Vereinzelte Straßenlaternen warfen schwache Lichtkringel über das aufgerissene Pflaster der Straße, die Oliver entlang trabte. Hie und da brummte ein Auto in der Ferne, huschten Scheinwerferlichter über Mauern.

»Kaff« war eigentlich übertrieben, dachte Oliver. Eine Ansammlung von Häusern beschrieb den Ort besser. Noch dazu handelte es sich um eine Ansammlung, die weitläufig genug angelegt war, dass Oliver sich nach zehn Minuten straffen Marschierens bereits fragte, ob sich jemals etwas auch nur annähernd mit einem Ortskern Vergleichbares auftäte.

»Großer Gott«, stöhnte er laut, nur um überhaupt den Klang einer menschlichen Stimme zu hören. »Das ist ja hier mehr als tot.«

Er stoppte, als er wider Erwarten ein Geräusch vernahm. Kurz darauf tauchte unter einer Straßenlaterne tatsächlich eine Gestalt auf. Ein langer Kerl, und wie es aussah, dürfte er kaum älter sein, als Oliver selbst. Größer und breiter war er allerdings und gekleidet in ausgesprochen biedere Klamotten, die Oliver nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde.

Skeptisch starrte der andere ihn über die unbefahrene Straße hinweg an. Sein Gesichtsausdruck vermittelte Oliver, was er bereits vermutete. Fremde dürften hier äußerst unwillkommen sein.

Nun, umso besser. Er hatte ohnehin nicht vor, hier Wurzeln zu schlagen, ganz gewiss nicht.

»Ist was?«, rief er auffordernd und streckte sein Kinn vor.

Der andere blieb irritiert stehen.

»Meinst du mich?«, fragte er ruhig.



Olivers Reisen
Ein Roman von Sigrid Lenz

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